Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin

Ski alpin

Sehr geehrte Damen und Herren,

der erste Schnee ist gefallen, die weltbesten Ski-Athleten reisen wieder von Weltcup zu Weltcup. Die Pisten werden immer anspruchsvoller, die Abfahrten steiler, schneller und spektakulärer. Angesichts der in den vergangenen Jahren enorm gestiegenen Anforderungen nicht nur in puncto Krafteinwirkung auf den Bewegungsapparat hat sich auch das Training der Profis gravierend verändert. Wie die leistungsbestimmenden Faktoren im Rahmen des Jahrestrainingszyklus trainiert werden, welche Screening- und Testverfahren hierbei durchlaufen werden und was der Freizeitskifahrer von den Profis lernen kann, beschreiben der Trainingswissenschaftler am Olympiastützpunkt Garmisch, Max Rieder, der frühere Herren-Bundestrainer Karlheinz Waibel und der Leitende Mannschaftsarzt des Deutschen Skiverbandes (DSV), Priv.-Doz. Dr. med. Peter Brucker, im aktuellen GOTS-Newsletter.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen auch im Namen des Präsidiums der GOTS ein frohes Weihnachtfest sowie einen guten Rutsch in ein gesundes, erfolgreiches und friedvolles Neues Jahr wünschen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Andreas Bellinger, GOTS-Pressesprecher presse@gots.org


Die Premiere des Deutschen Olympischen Sportärztekongresses findet vom 24. bis 26. Mai 2018 in Hamburg statt. Die erste Veranstaltung dieser Art wird in Zusammenarbeit von der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) ausgerichtet. Titel der dreitägigen Veranstaltung an der Universität Hamburg, zu der mehr als 1.000 Teilnehmer aus dem In- und Ausland erwartet werden, ist: “Gemeinsam für einen gesunden Sport”. Die Registrierung ist ab sofort geöffnet. Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem Flyer im Anhang dieses Newsletters oder der Kongress-Website www.deutscher-olympischer-sportaerztekongress.de.


Wir möchten Sie zudem auf folgende Veranstaltungen hinweisen:
05. Dezember 2017 – 20.15 Uhr: Online-Live-Event zum Thema “Für die Praxis – Knieverletzungen“ (https://news4friends.winglet.live/m/10657516/1088748-a62e5525245108b1b60845b0d59f2455). Mitglieder der GOTS erhalten einen Nachlass (Gutscheincode: “SmartEdu@GOTS“). Das Event ist abrufbar auch unter www.winglet.live
26. bis 27. Januar 2018 in Oberhof: 21. Sporttraumatologisches Symposium, www.tsaeb.de
15. bis 17. Februiar 2018 in Berlin: DGOOC Knie Kurs – Im Rahmen der Kursreihe Spezielle Orthopädische Chirurgie, https://www.aga-online.ch/pdfdata/kurse/Berlin_DGOOC%20KnieKurs_15.-17.2.2018.pdf
16. bis 17. Februar 2018 in Tübingen: 8. Tübinger Arthroskopie Symposium “Knie”, https://www.gelenksymposium.de/knie
22. bis 25. Februar 2018 in Ruhpolding: 12. Weiter- und Fortbildungskurs Sportmedizin Wintersport Ruhpolding, https://www.sportmedizin.vladimir-martinek.de/

Fit in den Winter: Von den Ski-Profis lernen

Das Anforderungsprofil des alpinen Skirennfahrens ist hochkomplex und beinhaltet motorische, metabolische sowie neuronale Komponenten. Der Sportler ist extremen Kurvenkräften ausgesetzt und muss gleichzeitig unter sich ständig ändernden äußeren Bedingungen das dynamische Gleichgewicht auf den Ski halten. Dazu benötigt er ein hohes Maß an Kraft in Beinen und Rumpf, maximal ausgeprägte koordinative Fähigkeiten und optimal trainierte Ermüdungswiderstandsfähigkeit. Daneben muss der alpine Skirennläufer Mut und Risikobereitschaft mitbringen, um sich an der Weltspitze zu behaupten.

Epidemiologie
Bezogen auf 1.000 Skitage verletzen sich im Weltcup des Ski-Weltverbandes FIS durchschnittlich 4,1 Skiathleten, allerdings ist die Verletzungsrate abhängig von der jeweiligen Skidisziplin (1). De facto konnte nachgewiesen werden, dass die Verletzungsrate pro 1.000 Fahrten mit zunehmender Geschwindigkeit in der jeweiligen Disziplin ansteigt, hierbei im Slalom am geringsten, beim Abfahrtslauf dagegen mehr als 3-mal so hoch ist (2). Generell ist geschlechtsunabhängig das Kniegelenk mit mehr als einem Drittel aller Verletzungen das am meisten betroffene Gelenk. Allerdings ist aufgrund der einwirkenden externen Spitzenbelastungen nicht nur die untere Extremität gefährdet, sondern der gesamte Becken- und Rumpfbereich (3, 4). Wegen des hochspezifischen Anforderungsprofils ist somit nicht nur aus Performance-, sondern auch aus verletzungsprophylaktischen Gründen eine hoch ausgebildete, skispezifische Athletik von essenzieller Bedeutung (4).

Im Folgenden werden skispezifische Trainingsinhalte und -ziele dargestellt, wie sie derzeitig im Deutschen Skiverband (DSV) im Leistungssport praktiziert und umgesetzt werden. Diese werden zusätzlich an Bedürfnisse und Defizite des einzelnen Athleten angepasst, so dass jeder Kaderathlet einen individualisierten Trainingsplan erhält und absolviert.

Ausdauer
Die Ausdauerleistungsfähigkeit ist ein leistungsbestimmender Faktor im alpinen Skirennsport. Der Stoffwechsel des Skirennläufers muss einerseits in der Lage sein, genügend Energie zu mobilisieren, um den auftretenden Kraftanforderungen gewachsen zu sein und andererseits ein muskuläres Milieu zu erhalten, das es ihm erlaubt, die hohen koordinativen Fähigkeiten über die komplette Distanz eines Laufes abrufen zu können. Dem Ausdauertraining muss im langfristigen Leistungsaufbau eine hohe Bedeutung beigemessen werden, um im Spitzenbereich die enormen Anforderungen an die Stoffwechselleistungsfähigkeit in allen Disziplinen erfüllen zu können. Bei entsprechend guter Ausdauerleistungsfähigkeit ist zudem eine erhöhte motorische Lernbereitschaft und Stabilität der skitechnischen Performance über den Trainingstag gewährleistet.

Grundlagenausdauer
Die Ziele, die im alpinen Skisport mit einem Training der Grundlagenausdauer verfolgt werden, liegen vor allem in der:

Belastungsparameter des Grundlagenausdauertrainings
Um die oben beschriebenen Anpassungen erzielen zu können, ist es wichtig, entsprechende Intensitätsvorgaben einzuhalten:

Skispezifische Kraftausdauer
Die Ziele, die mit dem Training der spezifischen Kraftausdauer anzustreben sind, beinhalten:

Diese Trainingsformen sind hochintensiv und daher sehr gezielt im Training einzubauen. Es ist dabei zu berücksichtigen, dass ein Großteil des spezifischen Kraftausdauertrainings beim Skifahren selbst – also im Schneetraining – absolviert wird und realisiert werden kann.

Trainingsbeispiel Stationstraining
Hierbei werden 6 – 8 Übungen (Stationen) für die verschiedenen Muskelgruppen aufgebaut. An jeder Station wird 40 – 60 Sek. belastet und nach einer Pause von 30 – 60 Sek. wird zur nächsten Station gewechselt. Insgesamt werden 4 – 6 Durchgänge absolviert, wobei nach jedem Durchgang eine längere Pause von 8 – 10 Minuten eingebaut wird. Bei der Reihenfolge der Übungen ist darauf zu achten, dass verschiedene Muskelgruppen und verschiedene motorische Beanspruchungsformen abwechselnd trainiert werden.

Skispezifische Kraftanforderungen
Skirennläufer sind in Slalom und Riesenslalom bei fast jedem Schwung Kräften von bis zu 5.000 N und darüber hinaus ausgesetzt. Gleichzeitig agieren sie in einer sehr spezifischen Körperhaltung (Abb.1), wobei sich der Athlet in die Kurve lehnt, um maximale Kantwinkel zu erzeugen und damit einen engen Radius um das Tor zu fahren. Damit er das dynamische Gleichgewicht auf den Ski halten kann, muss er eine angepasste Oberkörper-Ausgleichsbewegung in frontaler und sagittaler Ebene in Kombination mit einer Auswärtsrotation durchführen.

Abb. 1: Typische Situation im Riesenslalom.

Um diesen Belastungen gewachsen zu sein, müssen die Sportler über sehr komplexe Kraft- und Kraftausdauerfähigkeiten der Beine und des Rumpfes inklusive des Schultergürtels verfügen. Konzentrische sowie exzentrische Belastungen in mittleren bis tiefen Knie-Beugewinkeln und mehrdimensionalen Bewegungsformen bei variierenden Geschwindigkeiten und Krafteinsätzen sind typische Charakteristika eines modernen Krafttrainings für Ski(renn)sportler.

Spezifische Krafttrainingsformen
⇒ untere Extremitäten

Abb. 2: Ausfallschritt mit Zusatzlast auf Slackline in Streckung (links) und Beugung (rechts).

Belastungsparameter
Je nach Trainingsziel müssen die verschiedenen relevanten Einflussgrößen angepasst werden. Dies sind im Einzelnen:

Stehen neuronale Anpassungen im Vordergrund, müssen Bewegungsgeschwindigkeit sowie -komplexität und/oder Zusatzlast maximiert werden. Die Zahl der Wiederholungen bzw. die Belastungszeit reduzieren sich (1 – 6 Wiederholungen), und die Pausen sollten hierbei länger gewählt werden (ca. 5 Min.).

Stehen muskuläre Anpassungen im Vordergrund, sind die Intensitäten submaximal zu wählen; d.h. 50 – 70% der Maximallast pro Wiederholung. Hieraus ergeben sich ca. 10 – 15 Wiederholungen mit ca. 4 – 5 Trainingssätzen und mittleren Pausen (ca. 2 – 3 Min.). In der Trainingspraxis werden häufig 2 – 3 Übungen in einem Trainingsblock kombiniert – ein Beinkrafttraining für den gezielten Kraftaufbau besteht dann oft aus insgesamt 20 – 25 Beintrainingssätzen bei 4 – 6 unterschiedlichen Übungen

⇒ Rumpf / (obere Extremitäten)

Abb. 3: Rumpfmobilitätstraining mit Zusatzgewicht.

Belastungsparameter
Im Wesentlichen orientieren sich die Parameter an den im Abschnitt „untere Extremitäten“ beschriebenen Faktoren. Hierbei ist neben den rein quantitativen Aspekten beim Training der komplexen Bein-, Arm- und Rumpfkraft besonderes Augenmerk auf die Qualität der Bewegungsausführung zu legen.

Skispezifisches “Motorik-Training”

Abb. 4: Beinachsensprünge seitlich über Hürde: Bodenkontakt-Phase (links) und Flug-Phase (rechts).

Derartige Trainingsformen haben sich in den letzten Jahren über das klassische Koordinationstraining hinaus im alpinen Skirennsport entwickelt und sind inzwischen im Trainingsalltag etabliert.

Testverfahren
Das komplexe und spezifische Diagnostik-System für den alpinen Skirennlauf wurde vom DSV gemeinsam mit dem Partner Olympiastützpunkt (OSP) Bayern ausgearbeitet und gliedert sich in folgende Teilbereiche:

Leistungsdiagnostische Untersuchung (LDU) und DSV-Präventions-Screening
Neben den motorischen Testverfahren findet eine halbjährliche leistungsdiagnostische Untersuchung (LDU) statt, die neben einer internistischen Untersuchung inklusive eines Laktatstufentests auch eine orthopädische Grunduntersuchung beinhaltet. Darüber hinaus erfolgt zu Beginn des Sommer-Trainings und vor dem Saisonstart ein für den alpinen Skirennsport speziell entwickeltes Präventions-Screening-Verfahren, welches primäre und sekundäre (z.B. nach Verletzungen) funktionell-anatomische Defizite bzw. Risikofaktoren für spezifische Verletzungen bzw. Re-Verletzungen bei den Ski-Athleten aufdecken soll.

Fazit
Aufgrund des hochkomplexen Anforderungsprofils im alpinen Skirennsport und den insgesamt zunehmenden Krafteinwirkungen auf den Bewegungsapparat des Ski-Athleten spielt die skispezifische Athletik immer mehr eine zentrale Rolle in der Vorbereitungszeit auf die anstehende Rennsaison. Hierbei bedarf es der Adressierung mehrerer leistungsbestimmender Faktoren des alpinen Skirennsports im Trainingsprozess. Diese werden im Rahmen des Jahrestrainingszyklus mittels multimodalen Testverfahren unter dem Fokus der Performance-Entwicklung regelmäßig analysiert.

Über die Autoren:

Diplom-Sportlehrer Max Rieder ist A-Trainer im Deutschen Skiverband (DSV) und am Olympiastützpunkt (OSP) Bayern in Garmisch-Partenkirchen für den Bereich Trainingswissenschaft zuständig. Rieder ist seit mehr als 30 Jahren in der Betreuung von Spitzensportlern – überwiegend im Bereich Ski alpin – tätig. Der 2007 als DSV-Trainer des Jahres ausgezeichnete Rieder gibt auch Hobbyskifahrern Tipps für die Vorbereitung auf die Ski-Saison. (Foto: ©Marc Gilsdorf, www.marcfoto.de)

Diplom-Sportlehrer Karlheinz Waibel war bis nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 sechs Jahre lang Herren-Bundestrainer Ski alpin. Als disziplinübergreifender Bundestrainer Wissenschaft und Technologie im Deutschen Skiverband (DSV) beschäftigt sich “Charly” Waibel neben Fragen der Trainingsmethodik sowie von Material und Sicherheit besonders auch mit der Verletzungsprävention im alpinen Ski-Rennsport.

Priv.-Doz. Dr. med. Peter Brucker ist Leitender Mannschaftsarzt der alpinen Ski-Nationalmannschaft im Deutschen Skiverband (DSV), für den er seit 2002 als Teamarzt unter anderem bei Ski-Weltmeisterschaften im Einsatz ist. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in München ist zudem Diplom-Sportlehrer und Staatlich geprüfter Skilehrer. Brucker ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Biomechanik im Sport an der TU München. Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 fungierte er als Olympia-Arzt für die Mannschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Literatur:

  1. Flørenes TW, Nordsletten L, Heir S et al. (2012) Injuries among World Cup ski and snowboard athletes. Scand J Med Sci Sports 22:58-66
  2. Flørenes TW, Bere T, Nordsletten L et al. (2009) Injuries among male and female World Cup alpine skiers. Br J Sports Med 43:973-978
  3. Brucker PU, Katzmaier P, Olvermann M, Huber A, Waibel K, Imhoff AB, Spitzenpfeil P (2014). Alpiner Skibreiten- und Skileistungssport. Typische Verletzungsmuster und Möglichkeiten der Prävention. Unfallchirurg 117(1): 24-32
  4. Brucker PU, G. Ruedl (2014). Gefahren im alpinen Ski-Leistungssport – Gefährdung und Gefährdungsprävention: Ein epidemiologischer Vergleich zu anderen Leistungssport-Wintersportarten und zum alpinen Ski-Breitensport. Sport-Orthopädie – Sport-Traumatologie 30(4): 331-338

Grundlagenliteratur:

Rahmentrainingsplan. DSV 2017.
https://www.dsv-datenzentrale.de/rahmentrainingsplan/2-Start-.htm
DSV-Theorielehrbuch: Deutscher Skiverband e.V. 2013

2 Antworten

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