Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin

Skilanglauf: eine Sportart – zwei Techniken

Skilanglauf: eine Sportart – zwei Techniken

Skilanglauf – medizinischer Einblick in eine Traditionssportart

Das Ski-Langlaufen erfreut sich in den Wintermonaten einer wachsenden Beliebtheit. Durch die Kombination von körperlicher Betätigung mit seinen positiven gesundheitlichen Effekten verbunden mit einem aktiven Naturerlebnis dieser Freiluftsportart zieht es viele Sportbegeisterte in die Wintersportgebiete sobald es die Schneeauflage zulässt. Die weltbesten Skilangläufer*innen messen sich im durch den Ski-Weltverband organisierten Weltcup. Alle 2 Jahre finden Nordische Skiweltmeisterschaften statt, seit 1924 ist der Skilanglauf fester Bestandteil des Olympischen Programms. Für die Wintersportarten Biathlon und Nordische Kombination ist Langlaufen wesentlicher Bestandteil der Disziplinen.

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte sich auf Basis der klassischen Technik (Diagonalschritt) die Skatingtechnik (Schlittschuhschritt), die heute fester Bestandteil des Wettkampfprogramms ist. Dabei variieren die Streckenlängen von Sprintdistanzen mit ca. 1,4 km bis hin zu Langdistanzen mit Streckenlängen über 30km. Die wohl bekanntesten Langdistanzrennen sind das seit 1931 jährlich stattfindende Birkebeinerrennet (Birkebeiner Skirennen) in Norwegen über 54 km und der seit 1922 jährlich stattfindende schwedische Vasaloppet (Wasalauf) mit einer Distanz von über 90 km.

Akute sportartspezifische Verletzungen

Neben den deutlichen gesundheitlichen Vorteilen durch das extensiv-intensive Ganzkörpertraining an der frischen Luft gibt es auch gesundheitliche Gefahren im Skilanglauf. Trotz mitunter hohen Geschwindigkeiten mit bis zu 70km/h in den Abfahrten und der entsprechenden Sturzgefahr treten akute Verletzungen im Vergleich zu anderen Sportarten eher selten auf. Studien ergaben eine Inzidenz zwischen 0,5 und 5,5 Verletzungsreignissen auf 1000 Sportler pro Skilanglauf-Tag. Nichtsdestotrotz können Sturzereignisse bei harten Untergrundbedingungen und hohen Geschwindigkeiten durchaus auch gravierende Verletzungen an den Extremitäten, dem Becken oder der Wirbelsäule nach sich ziehen. Während akute Verletzungen in der Sportausübung auf Ski nur selten auftreten, ist die Gefahr in der Saisonvorbereitung wesentlich höher. Hierbei werden große Trainingsumfänge zu Fuß, auf dem Rad oder den Skirollern absolviert mit dem entsprechenden Risiko für Fußverletzungen und Sturzfolgen. Ein nicht unerheblicher Anteil an Verletzungen resultiert aber auch aus unspezifischen Trainingsformen wie zum Beispiel Spielsportarten im Rahmen des Allgemeintrainings. Häufige Verletzungsarten sind Prellungen und Distorsionen, unter Umständen mit Gelenkbinnenschädigungen. Zumeist sind dabei die Extremitäten betroffen. Frakturen, Gelenkluxationen oder Schädelverletzungen sind auch in der Langzeitbetrachtung selten. Muskelzerrungen und -Faserrisse können insbesondere bei intensiven Trainingsinhalten auftreten. Die Therapie der genannten Verletzungen umfasst neben dem gesamten Spektrum der orthopädisch-traumatologischen Akutversorgung, die Rehabilitation durch physio- und sporttherapeutische Maßnahmen mit ergänzender balneo-physikalischer Therapie, die Orthesenversorgung und die Schmerztherapie. Eine besondere Rolle im Leistungssport nimmt die medizinische Begleitung im Sinne des „Return-To-Sport“ bzw. „Return-To-Competition“ ein. Operative Eingriffe auf Grund von skilanglauf-spezifischen Verletzungen sind insgesamt relativ selten indiziert und sollten im konkreten Fall in sporttraumatologisch erfahrenen Zentren erfolgen.

Sportartspezifische Überlastungsbeschwerden

Die Belastungen im Training sind in dieser klassischen Ausdauersportart sehr hoch und können bis zu 30 Trainingsstunden pro Woche im Leistungssport erreichen. Durch die repetitive Bewegungsausführung mit zunehmender Ermüdung können im Spitzensportbereich Überlastungs- und Fehlbelastungssymptome resultieren. Dazu zählen akute und chronische Muskeldystonien, Tendinopathien und Tendovaginitiden. Knochenhautreizungen oder knöcherne Stressverletzungen der unteren Extremitäten lassen sich häufig beobachten, hervorgerufen durch ungenügende Schuhpassform oder muskuläre Fehlbelastung. Häufige Lokalisationen für Beschwerden lassen sich im Bereich der oberen Extremität und Schultergürtel, der Wirbelsäule im Bereich des lumbosakralen Übergangs, der unteren Extremität mit Knie- und Sprunggelenken wie auch des Fußes finden. Neben der ärztlichen und physiotherapeutischen Behandlung sind oftmals Modifikationen der Skilanglauftechnik hilfreich, um mittelfristig zur Entlastung beizutragen.

Eine besondere Überlastungsform ist das chronische Kompartmentsyndrom im Bereich der Muskelloge des Tibialis-Anterior. Dieses tritt, insbesondere durch Ausgleichsbewegungen bei eisigen Streckenverhältnissen, durch repetitive konzentrische und exzentrische Muskelkontraktionen der Unterschenkelmuskulatur auf. Die Folge ist eine äußerst schmerzhafte intrakompartimentelle Druckerhöhung durch Minderperfusion und konsekutivem Ödem, die häufig zum Abbruch der Belastung führt. In schweren Fällen kann dies zur dauerhaften Schädigung von Muskulatur, Gefäßen und Nerven führen. Primär wird eine konservative Therapie mit intensiven physiotherapeutischen Maßnahmen sowie Veränderung der Schuh- und Bindungsposition durchgeführt. Gegebenenfalls zugrundeliegende Muskuläre Dysbalancen und Haltungsschwächen müssen diagnostiziert und therapiert werden. Eine operative Intervention mit minimalinvasiver Kompartmentspaltung kann nach erfolgloser konservativer Problembehandlung unter strenger Indikationsstellung in Erwägung gezogen werden.

Durch die Materialentwicklung im Schuhbereich hin zu einer direkteren Kraftübertragung und damit zu extrem festen Werkstoffen sind Überlastungsbeschwerden der Füße merklich angestiegen. Lokale Druckbelastungen führen zu Periostreaktionen, wie auch Überlastungen von aktiven und passiven bindegewebigen Strukturen. Chronische Veränderungszeichen, beispielsweise bei Auftreten ossärer Kallusbildung oder Veränderungen der Fußstatik, müssen frühzeitig entgegengewirkt werden. Neben einem Schuhwechsel im Training auf weichere und weniger den Fuß einschränkende Modelle, kann eine schuhorthopädische Korrektur lokalen Druck reduzieren.  Ein regelmäßiges Kräftigungstraining der intrinsischen Fußmuskulatur wirkt prophylaktisch. Im akuten Fall kann eine lokale Infiltrationstherapie Anwendung finden.

Die Lendenwirbelsäule und vor allem der lumbosakrale Übergang werden insbesondere durch die repetitive Oberkörperbeugebewegung und damit verbundenen Krafteinwirkung des Oberkörpers auf diese Segmente beim Doppelstockschub vorrangig im klassischen Stil, aber auch in der Skatingtechnik beansprucht. Damit verbundene Mikrotraumen können zu akuten Beschwerden und auch zu degenerativen Veränderungen führen. Ein internationaler Trend, Wettkämpfe in der klassischen Disziplin durch reines Doppelstockschieben zu absolvieren, wurde durch die Einführung sogenannter Technikzonen, in denen der Diagonalschritt zwingend abverlangt wird, aufgehalten. Obwohl dieser Schritt sicherlich auch zum Erhalt der klassischen Technik vorgenommen wurde, ist er zur Reduktion von monotonen Überbelastungen auch aus medizinischer Sicht zu begrüßen. Inwieweit die Skatingtechnik bei entsprechender anatomischer Vorrausetzung zum vermehrten Hüft-Impingement und damit sekundär zur Coxarthrose führen kann, ist noch nicht hinreichend geklärt.

 

Internistische Erkrankungen

Die günstige Beanspruchung des kardiopulmonalen Systems und die Auswirkungen der sportlichen Belastungen auf den Gesamtorganismus haben insgesamt einen sehr positiven gesundheitlichen Effekt. Trotzdem kann es, insbesondere bei leistungssportlicher Ausübung, zu medizinischen Beeinträchtigungen kommen. Die ausgeprägte Exposition von kalter Luft in Verbindung mit einer hohen Ventilationsrate kann zu Schleimhautreizungen der oberen Atemwege führen. Im Leistungssport kann dies, durch die permanente Kaltluftexposition unter Belastung zu entzündlichen Veränderungen der Schleimhäute des Nasen-Rachen-Raums, des Kehlkopfs sowie der oberen Luftwege führen. Infekte der oberen Atemwege, mit klinischer Symptomatik wie z.B. Husten, Schnupfen, Halsschmerzen und Beschwerden im Bereich der Nasennebenhöhlen, sind die häufigsten Erkrankungsbilder im Skilanglauf. Auf eine entsprechende Prophylaxe sollte daher großer Wert gelegt werden. Diese umfasst sämtliche Formen einer Schleimhautpflege mit ausreichend großer Trinkmenge, Nasenspülungen und Salzwasserinhalationen. Weitere wichtige Maßnahmen im Sinne einer Infektionsprophylaxe sind regelmäßiges Händewaschen, die Meidung von großen Menschenansammlungen, der Wechsel von durchnässter Kleidung nach Belastungen und eine Kontaktvermeidung zu Personen mit Infekten. Die überwiegend viral bedingten Erkältungskrankheiten werden im Wesentlichen symptomatisch therapiert. Es bietet sich eine Schleimhautbefeuchtung durch Inhalationen, Nasenspülungen und Lutschpastillen an. Weiterhin können initial hochdosiertes Vitamin C und Zink, Phytopharmaka und lokal antiseptische Lösungen zur positiven Beeinflussung des Krankheitsverlaufs zum Einsatz kommen. Im Falle einer gesicherten bakteriellen Infektion muss der Einsatz von Antibiotika entsprechend aktueller Guidelines abgewogen werden. Diese Behandlungsoption ist, aufgrund der wesentlich häufigeren viralen Ursache von Infektionsgeschehen der oberen Atemwege, eine eher seltene Wahl.

Eine chronische Atemwegsreizung durch die intensive Ventilation kalter Luft führt bei Skilangläufer*innen häufiger zu belastungsbedingten Atembeschwerden im Sinne eines hyperreagibles Bronchialsystems. Therapie der Wahl ist der frühzeitige Einsatz von anti-inflammatorisch wirkenden inhalativen Glukokortikosteroiden, auch um eine Erkrankungsprogredienz zu vermeiden. Zur verbesserten Symptomkontrolle werden Glukokortikosteroide häufig mit inhalativen ß2-Sympthomimetika kombiniert. In ihrer kurzwirksamen Form können diese vor intensiver Belastung als Anfallsprophylaxe verwendet werden. Der Gebrauch von ß2-Sympathomimetika durch Leistungssportler*innen ist prinzipiell durch die Liste der verbotenen Substanzen und Methoden der WADA untersagt. Für die inhalative Anwendung der Substanzen Salbutamol, Salmeterol, Formoterol und Vilanterol besteht jedoch eine gesonderte Regelung. Bis zu einer definierten Maximaldosierung können diese Wirkstoffe zur Behandlung einer obstruktiven Ventilationsstörung angewendet werden. Die Verwendung von inhalativen Glukokortikoiden und den dosisabhängig zulässigen ß2-Sympathomimetika muss im Falle einer Dopingkontrolle zwingend angegeben werden.

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Durch die derzeitige COVID-19-Pandemie und den daraus resultierenden allgemein gültigen Hygienemaßnahmen konnte eine deutliche Abnahme von Infektionskrankheiten bei Sportler*innen, insbesondere in der üblichen „Erkältungszeit“ in den Wintermonaten, beobachtet werden. Auch wenn sich nicht jede Maßnahme in ihrer stringenten Durchführung nach Überwindung der Pandemie fortsetzen lässt, so ist dies ein deutliches Zeichen für die Wirksamkeit der Hygienemaßnahmen, auch um infektbedingte Trainings- und Wettkampfausfälle zu reduzieren.

Fotos:

oben: Skilanglauf-Weltcup in Dresden, © T. Kastner

Mitte: Zieleinlauf des “Hill climb” zur Alpe Cermis im Rahmen der Tour de Ski, © T. Kastner

unten: Skirollertraining in der Vorbereitung, © A.C. Disch


Die AUTOREN

Tom Kastner

ist Ärztlicher Mitarbeiter und Sportwissenschaftler im Fachbereich Sportmedizin am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft, Leipzig. Er ist Leitender Disziplinarzt der Deutschen Skilanglauf-Nationalmannschaft (DSV) und Verbandsarzt der Deutschen Triathlon Union (DTU). 2018 war er zudem der leitende Arzt der deutschen Jugend-Olympiamannschaft bei den Youth Olympic Games in Buenos Aires.

Prof. Dr. med. Alexander C. Disch, PhD

ist leitender Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor am Universitäts-Centrum für Orthopädie, Unfall- & Plastische Chirurgie (OUPC) sowie Leiter und Koordinator des interdisziplinären WirbelsäulenCentrums (UCSC) am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus (UKD) an der TU Dresden. Er ist ferner Koordinator der Sportmedizin am UKD, betreut in Kooperation mit dem Olympiastützpunkt den Leistungssport und ist Wettkampfarzt für Weltcup-Veranstaltungen im Skilanglauf. Er war langjährig für den Deutschen Skiverband (DSV) als Mannschaftsarzt im Biathlon tätig und ist nun Verbandsarzt für die deutsche Skilanglauf-Nationalmannschaft.

Prof. Dr. Dr. Karsten Hollander

ist Professor für Sportmedizin und Leiter des Institute of Interdisciplinary Exercise Science and Sports Medicine an der MSH Medical School Hamburg. Nach den Promotionen in Sportmedizin und Biomechanik, arbeitete er als PostDoc an der Harvard Medical School in Boston, MA, USA. Er ist leitender Disziplinarzt des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) im Block Lauf/Gehen und Verbandsarzt der Deutschen Skilanglauf-Nationalmannschaft (DSV).

Prof. Dr. med. Bernd Wolfarth,

ist Ordinarius für Sportmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Leiter der Abteilung Sportmedizin der Charité Universitätsmedizin Berlin und Leiter des Fachbereiches Sportmedizin am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft, Leipzig. Darüber hinaus arbeitet er als Leitender Verbandsarzt des Deutschen Skiverbandes und ist Leitender Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sportbundes.